Von einer göttlichen Heilkunde

…zur praktischen Alltagsmedizin

Auszug aus dem Buch: Das Tao der Medizin von Beate Sprissler

Wir können die chinesische Heilkunde bis auf die Zeit von etwa 6000 v. Chr. zurückverfolgen. Alte Überlieferungen lassen darauf schliessen, dass es bereits damals eine Erkenntnis über Lebensenergien und eine Lehre von Energiebahnen gab, durch welche diese Energien fliessen. Dieses Wissen besagt, dass es am Körper verschiedene Punkte gibt, die durch Druck oder Massage einen Einfluss auf das Wohlbefinden des gesamten Menschen zeigen. Nach dem heutigen Erkenntnisstand wurden sogar schon Knochenspitzen benutzt, um Akupunkturpunkte zu aktivieren. Die Ärzte behandelten in dieser frühen Zeit nicht etwa nur die Körperkrankheiten, sondern waren in erster Linie Seelenärzte. Sie galten als „göttliche Heiler“, die nicht nur den Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele kannten. Sondern sie „sahen“ vor allem die jeweilige Schicksalsentwicklung, die Lebensaufgaben und die notwendigen Entwicklungsschritte ihrer Patienten und stellten ihre Behandlung darauf ein. Die meisten dieser gut ausgebildeten Ärzte fungierten also auch spirituelle Lehrer, die auf das geistige Wohlergehen des Menschen als Grundlage seiner körperlichen Gesundheit achteten.

Neben den „göttlichen Heilern“ praktizierten sehr viele sogenannte „Barfussärzte“ überall im weiten Land. Sie wandten die vielen Methoden und Mittel an, die sich in der „göttlichen Heilkunde“ als brauchbar erwiesen hatten, allerdings ohne den Anspruch einer gleichzeitigen spirituellen Meisterschaft und Führung. Die „Barfussärzte“ zogen von Dorf zu Dorf und arbeiteten oft nur für Unterkunft und Nahrung.

In diese Zeit fällt wohl auch die schriftliche Niederlegung der chinesischen Medizin durch spirituell orientierte Ärzte, die sich nun ganz der Systematisierung ihrer Heilkunde widmeten. In den Jahren 770 bis 220 v. Chr. wurde dieses Wissen in dem Werk „Huan di Nei Jing“ aufgezeichnet. Übersetzt heisst es „Der innere Klassiker des gelben Kaisers“. Dieses uralte Werk bildet auch heute noch die Grundlage für die Ausbildung der Medizinstudenten in China.

In der TCM entstand ein komplexes Gewebe von Diagnosetechniken und Therapieformen, von Lehren zur rechtzeitigen Krankheitsvorbeugung und Vorschlägen zur gesunden und ganzheitlichen Lebensweise. Das geistige Fundament und die spirituellen Ideale traten dabei immer mehr in den Hintergrund. So wurde aus einer göttlichen Heilkunst, die alle Bereiche des Lebens umfasste, eine praktische Alltagsmedizin, die auch solchen Menschen helfen konnte, die nichts (mehr) von der chinessisch-taoistischen Weltanschauung wussten (oder wissen wollten) und sich damit nicht (mehr) beschäftigten.

Diese Medizin funktioniert, nutzt und heilt – wie wir aus Jahren Praxis im Westen inzwischen gesichert wissen – auch dann, wenn Menschen die dahinterstehende Philosophie nicht kennen oder annehmen. Allerdings kann gerade der geistig-spirituelle Kern der TCM eine grosse Bereicherung darstellen, weil ihm eine ganzheitliche Auffassung von Gesundheit zugrunde liegt und ein Weltbild, in dem der Mensch Teil eines grossen, lebendigen Ganzen ist.

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